07.12.2022

Einfach nur Mittelmaß

Deutschland und Digitalisierung – eine echte Liebesheirat ist das nicht. Studien betrachten regelmäßig die Fortschritte in einzelnen Bereichen sowie im großen Ganzen und kommen auf einen gemeinsamen Nenner: Deutschland ist international nur digitales Mittelmaß.

Der von der EU-Kommission veröffentlichte Index für die digitale Wirtschaft und Gesellschaft (DESI) ist ein anerkannter Gradmesser für die Digitalisierung in den EU-Ländern. Danach langt es für Deutschland im aktuellen DESI-Index gerade einmal für Platz 13. Bei einem Punktewert von 52,9, der nur knapp über dem EU-Durchschnittswert von 52,3 liegt, ist der Abstand zur Spitzengruppe groß. Die Spitzenreiter liegen dagegen bei Werten von knapp 70 Punkten. Es sind die, die das Ranking in variierender Reihenfolge immer anführen: Finnland, Schweden, Dänemark sowie die Niederlande. Aktuell haben die Finnen mit 69,6 Digitalpunkten die Nase knapp vorn.

Für die Bewertung werden vier Sektoren untersucht: Humankapital, Konnektivität, Integration der Digitaltechnik sowie digitale öffentliche Dienste. Im Schnitt läuft es für Deutschland in allen Kategorien auf Durchschnitt hinaus. So auch bei den digitalen Angeboten im öffentlichen Dienst. Hier bemerkt der DESI-Report, dass die Interaktion zwischen staatlichen Stellen und Bürgern deutlich verbessert werden könnte. Die Bundesregierung hat das Gesamtergebnis bislang nicht kommentiert. Vielleicht, so Spötter, ist das Abwälzen der Datenerhebung zur neuen Grundsteuerberechnung von Verwaltungen auf Bürger gar kein Akt der Faulheit und Inkompetenz, sondern ein Versuch, die Interaktion zu verbessern.

Ebenfalls viel Luft nach oben gibt es in vielen Schulen

Das letztlich mittelprächtige Abschneiden übertüncht allerdings, dass es eine große Zahl von Ausreißern nach unten und oben gibt. Für die Studie „Digitalisierung im Schulsystem 2021“ hatte die Kooperationsstelle Hochschule und Gewerkschaften der Universität Göttingen zu Jahresbeginn 2750 Lehrkräfte befragt. „Die Unterschiede zwischen digitalen Vorreiter- und Nachzügler-Schulen beim Lehren und Lernen mit digitalen Medien und Tools sowie der digitalen Infrastruktur sind gewaltig“, kommentierte Studienleiter Frank Mußmann. Rund jede dritte Schule wird von der Studie als „Nachzügler“, 38 Prozent werden als „Vorreiter“ oder „digital orientiert“ und 29 Prozent als „digitaler Durchschnitt“ eingestuft. Die Bildungsgewerkschaft GEW sprach von einer „digitalen Spaltung“ und forderte Investitionen für die Weiterbildung von Lehrkräften und Schuladministratoren, die sich um die Technik kümmern, damit die Lehrerschaft nicht noch weiter belastet werde. Denn diese sowie andere Beschäftigte im schulischen Dienst sind es, die durch viel bis übermäßige Eigeninitiative das Ergebnis nicht noch schlechter ausfallen lassen.

Und auch der Mittelstand wird dauerhaft gescannt

Der Ende April erschienene „Digitalisierungsindex Mittelstand 2021/22“ ist die bereits sechste von der Telekom initiierte Untersuchung. Diesmal befragten das Unternehmen und das Analystenhaus techconsult mehr als 2000 mittelständische Unternehmen zum Grad ihrer Digitalisierung. Ein zentrales Ergebnis: Der deutsche Mittelstand „treibt seine Digitalisierung mit besonderem Fokus auf moderne Arbeitswelten und Nachhaltigkeit weiter voran“, so Hagen Rickmann, Geschäftsführer Geschäftskunden der Telekom Deutschland.

Gesetzt wird verstärkt auf mobile und digitale Zusammenarbeit: New Work hat sich bei knapp der Hälfte (49 Prozent) der befragten Unternehmen fest etabliert. 57 Prozent nutzen Web- und Videokonferenzen, digitale Kommunikationstechnologien und -tools gehören für 81 Prozent zum Arbeitsalltag, so die Studie.

Doch Homeoffice und Digitalisierung allgemein bereiten auch Sorgen: So sind nur 43 der befragten Mitarbeiter der Überzeugung, ihr Arbeitsbereich sei ausreichend gesichert. Die Umfrage ergab, dass viele Mittelständler speziell die Sicherheit bei E-Mails und Technologien zur Verschlüsselung erhöhen wollen. Auch Lösungen zum Identitätsmanagement und zur Authentifizierung stehen auf der To-do-Liste.

Generell erkennt die Studie eine hohe Bereitschaft für Investitionen in digitale Projekte. 93 Prozent der befragten Betriebe wollen hier Geld in die Hand nehmen. Davon planen 45 Prozent eine durchschnittliche Erhöhung um 24 Prozent. Deutlich wird aber auch, dass viele die Möglichkeiten längst nicht ausschöpfen und sogar beträchtliche Fördermittel liegen lassen. Verschiedene Töpfe bieten bis zu sechsstellige Summen zur digitalen Transformationshilfe, jedoch beantragten bislang nur 18 Prozent der Befragten Gelder. Es liege nicht daran, dass die Töpfe nicht bekannt wären, sondern an fehlender Transparenz und bürokratischen Hürden, bilanziert die Studie. Das seien die meistgenannten Gründe. Auch Unternehmen, die Fördermittel nutzten, klagten darüber: „Etwa sechs von zehn Betrieben mussten externe Unterstützung einholen. Nur so ließ sich das passende Programm finden und beantragen.“

Erschienen am 21.10.2022 in DIE WELT, von Jochen Clemens

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