13.04.2026
Auf einmal ist das Wort in aller Munde: Depot. Wie in Altersvorsorgedepot. Viele Menschen haben bisher nur eine sehr ungefähre Vorstellung davon, was ein solches Depot ist, nämlich eine Art Konto, in dem Aktien verwahrt werden. Die Chance, während der Schulzeit gut erklärt bekommen zu haben, was Aktien sind, scheint in Deutschland ziemlich gering zu sein.
Fest steht: Ab 2027 unterstützt der deutsche Staat Erwerbstätige, die sich über den Kapitalmarkt eine private Rente aufbauen. Anders als bei der immer unbeliebter gewordenen Riester-Rente können Arbeitnehmer und Selbstständige in Aktien investieren, ohne dass eine teure Beitragsgarantie einen Großteil der Rendite wieder auffrisst.
Beitragsgarantie bedeutet kompletten Schutz vor Verlusten – und das ist bei Aktien fast ein Widerspruch in sich. Aktien sind etwas fundamental anderes als Festgeld, Sparbriefe oder Bundesanleihen, bei denen Verzinsung und Rückzahlung zu 100 Prozent vorher feststehen.
Aktien repräsentieren Anteile an Unternehmen, die an der Börse gehandelt werden. Da Unternehmen im volkswirtschaftlichen Sinn „Kapital“ sind, ist auch von Kapitalmärkten die Rede.
Der genaue Wert eines Unternehmens und damit auch seiner Aktien steht aber eben nicht fest, er wird jeden Tag neu eingeschätzt und beurteilt, was sich in einem aktuellen Preis (oder Kurs) niederschlägt. Dabei geht es vor allem um die Fähigkeit des Unternehmens, auch in Zukunft Gewinne zu erzielen und in Form von Dividenden auszuschütten. Bessern sich die Aussichten, steigt der Preis der Aktie im Spiel von Angebot und Nachfrage, verdüstern sich die Aussichten – wie derzeit häufig zu erleben –, geht es mit dem Kurs nach unten.
Diese Kursschwankungen, die sich aus der Unsicherheit über den heutigen und künftigen Wert des Unternehmens und seiner Dividende ergeben, sind vielen Menschen geradezu unheimlich. Das ist fast psychologisch nachvollziehbar, aber fast schon paradox. Denn langfristig zeigt keine Anlageklasse eine so stabile Aufwärtsentwicklung wie Aktien.
Diese Chancen haben Anleger
Wer zum Beispiel die Börsenpapiere der größten deutschen Unternehmen kaufte und den denkbar schlechtesten Einstiegszeitpunkt erwischte – nämlich Anfang 2000 unmittelbar vor dem Platzen der New-Economy-Blase –, war nach sieben Jahren im Plus. Die Papiere der größten deutschen Börsenunternehmen sind im Deutschen Aktienindex (Dax) versammelt, allerdings sind das nur 40 Werte, außerdem sind manche Branchen im Dax kaum oder gar nicht vertreten.
Das Investment in eine einzelne Aktie oder einige wenige Aktien ist per Definition immer mit höherem Risiko verbunden: Ein Unternehmen kann technisch abgehängt werden, die Gesetze oder die Nachfragetrends können sich ändern. Daher hat es sich bewährt, möglichst viele verschiedene Aktien gewissermaßen in einem Aktienkorb zu halten.
Die Idee gewann hierzulande nach dem Zweiten Weltkrieg an Popularität, in Form von Aktienfonds, die häufig eine dreistellige Zahl von Einzeltiteln enthalten. Den ersten 1950 aufgelegten Fonds auf deutsche Aktien (Fondak) gibt es noch heute. Ein anderes populäres Produkt ist der UniGlobal der Investmentgesellschaft Union Investment, die zur Finanzgruppe der Volks- und Raiffeisenbanken gehört. Für die Zusammenstellung und Pflege der Körbe verlangen die Fondsanbieter eine Gebühr, meist im Bereich von 1,7 Prozent pro Jahr.
Beim Kauf in der Bankfiliale fällt außerdem ein Ausgabeaufschlag an, der bei fünf Prozent liegen kann. Seit den 2010er-Jahren haben sich in Deutschland auch sogenannte börsengehandelte Indexfonds verbreitet, bei denen die Kosten deutlich niedriger sind, die dafür aber nur per Onlinebanking zu erwerben sind.
Börsengehandelte Indexfonds müssten auf Deutsch eigentlich BIF abgekürzt werden, es hat sich aber die internationale englische Bezeichnung ETF – für Exchange-Traded Fund – durchgesetzt. ETFs auf internationale Indizes können mehrere Tausend Einzelaktien enthalten und decken im Idealfall sämtliche Branchen und alle großen Volkswirtschaften ab.
Dadurch erreichen ETFs eine denkbar große Risikostreuung für ihre Halter: Geht es einer Volkswirtschaft schlecht, läuft es in einer anderen manchmal ganz gut. Im bekannten MSCI World, der Aktien aus allen großen Industrieländern enthält, ist Deutschland mit 2,3 Prozent vertreten. Landestypische Probleme wie etwa hohe Energiekosten schlagen sich hier also nur sehr begrenzt nieder. Andere Indizes wie der FTSE All-World oder der MSCI All Country World Investable Market bieten eine noch größere Abdeckung und damit Risikostreuung.
Bei der jüngeren Generation ist das Wissen über ETFs und Diversifizierung stärker verbreitet als bei Älteren, was vermutlich auch daran liegt, dass die Jüngeren stärker Neobroker-Apps und neue Medien nutzen. Indexfonds eignen sich perfekt für das regelmäßige Investieren, das sich vor allem bei der jungen Generation großer Beliebtheit erfreut.
Jeder Vierte investiert per Sparplan
In ihrer jetzt veröffentlichten „Anlagestudie 2026 – So investiert Deutschland“ hat die Commerzbank gerade herausgefunden, dass rund 40 Prozent der deutschen Sparer ihr Geld in Wertpapiere anlegen, bei der Generation Z oder Gen Z (geboren zwischen 1997 und 2007) sind es knapp 50 Prozent – zehn Prozentpunkte mehr. Gut ein Viertel der jungen Erwachsenen (26 Prozent) haben einen Wertpapier-Sparplan, zwei Punkte mehr als in der breiten Bevölkerung. Doch auch insgesamt beschäftigen sich die Bundesbürger mehr mit Investment-Themen:
„Das Interesse an Geldanlage und Wertpapieren ist gestiegen“, sagt Thomas Schaufler, Mitglied des Vorstands der Commerzbank und dort zuständig für Privat- und Unternehmerkunden. Vor allem ETFs hätten verglichen mit der vergleichbaren Studie von vor zwei Jahren deutlich an Beliebtheit gewonnen – und zwar über alle Generationen hinweg. „Aus meiner Erfahrung heraus sind für die meisten ETFs ein guter Einstieg in die Welt der Geldanlage.“
Die Anlagestudie der Commerzbank zeigt, dass der technologische Fortschritt ein ausschlaggebender Punkt ist. Denn er erleichtert den Zugang zu Finanzplanungs-Tools. Das geben 64 Prozent der Gen Z an. Der Analyse zufolge nutzen die Jüngeren neben Familie und Freunden (41 Prozent) oft auch digitale Kanäle, um sich zu informieren, dazu zählen YouTube (36 Prozent), Social Media (33 Prozent) und Künstliche Intelligenz (23 Prozent).
„Die Generation Z investiert im Generationenvergleich am meisten Zeit in ihre Geldanlage. Rund 40 Prozent der Gen Z verbringen pro Woche ein bis zwei Stunden mit dem Thema“, ordnet Commerzbank-Vorstand Schaufler ein. Ältere Semester verwenden häufig weniger als eine halbe Stunde pro Woche darauf, sich mit ihrer Geldanlage zu beschäftigen. Unter den Babyboomern ist diese Finanz-Ferne sogar bei 52 Prozent verbreitet. Teilweise erklärt sich das daraus, dass Menschen dieser Generation meist schon in Rente sind und nicht im gleichen Maß die Notwendigkeit verspüren, vorzusorgen.
Als Babyboomer werden die zwischen 1946 und 1964 Geborenen bezeichnet, Angehörige der Generation Z sind zwischen 1997 und 2007 geboren, dazwischen liegen die Generation X (Geburtsjahrgänge zwischen 1965 und 1980) und die Millennials (Geburtsjahrgänge zwischen 1981 und 1996).
Auch wenn YouTube, Instagram, X (früher Twitter), Podcasts und Chatbots wie ChatGPT oder Gemini wichtigste Informationsquellen geworden sind, glauben doch viele, nicht ausreichend viel zu wissen, um Informationsentscheidungen zu treffen. „Rund 72 Prozent der Menschen in Deutschland sparen. Zugleich bleibt die Mehrheit bei klassischen, konservativen Sparformen wie Tages- und Festgeld oder dem Sparbuch“, stellt Schaufler fest. Damit würden sie langfristig finanzielles Potenzial verschenken.
Als zentrales Hemmnis sieht der Banker Unsicherheit durch fehlendes Wissen: „Viele Menschen trauen sich Finanzentscheidungen nicht zu – zum Beispiel, wie sie einen größeren Betrag sinnvoll anlegen können.“ Bei Frauen ist die empfundene Wissenslücke im Schnitt größer als bei Männern. So sagten in der Anlagestudie der Commerzbank nur 22 Prozent der Frauen, dass sie sich nach eigenem Empfinden gut genug mit Aktien auskennen, bei den Männern bejahten das 47 Prozent. Die Frage nach Fonds und ETFs brachte ähnliche Unterschiede bei der Selbsteinschätzung hervor.
Andere Studien zeigen, dass die Frauen, die tatsächlich investieren, häufig bessere Ergebnisse erzielen als männliche Investoren. Im internationalen Vergleich gelten die Deutschen, gleich welchen Geschlechts, als unterinvestiert. Der Aktienbesitz ist geringer ausgeprägt als in anderen Industrienationen. Dafür liegt hierzulande sehr viel Geld auf dem Bankkonto, wo es meist schlecht verzinst wird. Insgesamt sind das rund 3000 Milliarden Euro – weit mehr, als für einen Notgroschen erforderlich wäre, der dazu dient, die Kosten etwa einer neuen Waschmaschine zu schultern.
Schaufler macht es mit einem einprägsamen Vergleich deutlich: „Rein rechnerisch entspräche der durchschnittliche Notgroschen pro Einwohner in Deutschland dem Gegenwert von rund 70 Waschmaschinen“, sagt Schaufler. Für viele Haushalte ist der Cash-Anteil überdimensioniert – und der Aktienanteil zu gering. Mit dem Altersvorsorgedepot dürfte sich das hoffentlich ändern. Die neue staatliche Förderung geht zwar erst 2027 los, doch schon jetzt kann es nicht schaden, sich mit den wichtigsten Produkten für den Vermögensaufbau vertraut zu machen.
Gerade Sparer, die sich bisher nicht mit Depots oder Börsenpapieren beschäftigt haben, gewinnen so ein Gefühl dafür, was sie realistischerweise erwarten dürfen. Die meisten Riesenkörbe mit Aktien haben ihren Haltern in den zurückliegenden fünf Jahren einen Wertzuwachs zwischen 50 und 70 Prozent gebracht, das entspricht einem jährlichen Wertzuwachs zwischen rund acht und elf Prozent. Das Bemerkenswerte daran: Die internationalen Börsen haben dieses Plus trotz der Krisen – von Corona über die russische Invasion bis zum Irankrieg – geschafft.
Diese ETFs bringen eine hohe Rendite
Besonders gut abgeschnitten hat der iShares Core MSCI World ETF, der die WKN oder Wertpapierkennnummer A0RPWH trägt und in die industrialisierte Welt investiert. Der Indexfonds enthält rund 1300 Einzeltitel, allen voran die Tech-Giganten Nvidia, Apple, Microsoft und Alphabet. Mit 71 Prozent ist der Flaggschiff-ETF der Fondsgesellschaft BlackRock besonders stark in den USA investiert, was seine besonders hohe Rendite in den vergangenen fünf Jahren erklärt. Eine Garantie, dass ein hohes Amerika-Gewicht auch in Zukunft Höchstrendite bringt, gibt es nicht.
Besser diversifiziert ist der Vanguard FTSE All-World ETF (WKN: A1JX52), mit dem Anteilseigener Mitbesitzer an fast 4000 Firmen weltweit werden, und zwar nicht nur in den Industrieländern, sondern auch in Schwellenländern wie China. Noch mehr Aktien, nämlich mehr als 4600, sind im SPDR MSCI All Country World Investable Market ETF (WKN: A1JJTD) enthalten. Die Besonderheit: Das Portfolio des Indexfonds umfasst nicht nur große und mittlere Aktiengesellschaften, sondern auch kleine Firmen, denen ein höheres Wachstumspotenzial zuzutrauen ist.
In jüngerer Zeit haben auch Broker ihre eigenen ETFs vorgelegt, so Scalable Capital mit dem Scalable MSCI AC World Xtrackers ETF (WKN: DBX1SC) oder Comdirect mit dem Comdirect S&P All World State Street ETF (WKN: A41WW6). Scalable strebt an, mit dem Indexfonds 85 Prozent des Aktienwerts an den globalen Börsen abzudecken, bei Comdirect sollen es sogar 90 Prozent. Da die Produkte noch nicht so lange am Markt sind, lässt sich über ihre Langfrist-Wertentwicklung noch keine Aussage treffen, sie dürfte aber im Bereich dessen liegen, was der SPDR MSCI All Country World Investable Market ETF geschafft hat.
Wem Prinzipien der ethischen Unternehmensführung, Umwelt- und Klimakriterien wichtig sind, kann sich an einen Fonds halten, in dessen Name die Worte Socially Responsible oder die Abkürzung SRI auftauchen, etwa den UBS MSCI World Socially Responsible ETF (WKN: A2PZBJ). Durch die strengen Ausschlusskriterien – Waffenhersteller sind hier ebensowenig vertreten wie Ölkonzerne – engt sich die Zahl der vertretenen Unternehmen auf weniger als 400 ein. In den letzten Jahren haben solche Nachhaltigkeits-ETFs etwas weniger Rendite gebracht als konventionelle.
Gemeinsam ist den Aktien-ETFs, dass ihre Kurse zwischenzeitlich stark schwanken können, diese Eigenschaft ist Börsenpapieren eigen. Beim MSCI World ging es in den zurückliegenden fünf Jahren einmal um bis zu 26 Prozent nach unten. Eine Möglichkeit, diese Schwankungen zu glätten, bieten Produkte, die neben Aktien auch Anleihen (Zinspapiere) und Rohstoffe enthalten. Der vielleicht bekannteste Fonds dieser Art, der Arero Weltfonds (WKN: DWS0R4), kann bei der Rendite aber nicht mit reinen Aktienfonds mithalten.
Während traditionelle Aktienfonds, bei denen ein Fondsmanager sich aktiv für oder gegen einzelne Aktien entscheidet, oft um die 1,7 Prozent pro Jahr kosten, kommen ETFs mit einer Gebührenbelastung zwischen 0,17 und 0,40 Prozent aus, beim Arero mit seinen drei Anlageklassen sind es 0,50 Prozent. Diesen Kostennachteil können die aktiven Fonds meist nicht ausgleichen. Zum Vermögensaufbau – später auch im Altersvorsorgedepot – bieten sich daher Indexfonds an, die etwas unglücklich auch „passive Produkte“ genannt werden.
Statistiken, die über 100 Jahre oder mehr zurückreichen, zeigen: Auf Sicht von Dekaden dürfen Aktionäre über das Auf und Ab der Börse hinweg mit einem jährlichen Plus von gut acht Prozent rechnen. Selbst wenn die durchschnittliche Geldentwertung von zwei Prozent berücksichtigt wird, bleibt ein realer Wohlstandszuwachs von sechs Prozent oder mehr. Diese wichtige Information müsste eigentlich auch in den Schulen vermittelt werden. Doch allzu häufig herrscht dort Fehlanzeige.
„Das Thema Finanzbildung bleibt, gerade auch in der Schule, ausbaufähig“, findet auch Commerzbanker Schaufler. Dabei wäre genau das ein großer Hebel für mehr Wohlstand in Deutschland und Europa. Denn Kapital ist in der Alten Welt ausreichend vorhanden, und auch an unternehmerischen Ideen mangelt es nicht. Nur müssen die beiden sich über die Börse treffen. Und die Voraussetzung dafür ist das Wissen und das Verständnis für die Zusammenhänge, zum Beispiel dafür, was ein Depot kann.
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